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Von Fortschritt, Computer und Erdnussbutter

Während viele Kulturen in Kreisläufen denken, an die ewige Wiederkehr des prinzipiell Gleichen, kennt das Christentum einen Zielpunkt der Ge­schichte. Ob man dabei mehr das Jüngste Gericht oder das Kommen des Herrn im Blick hatte, ein Ende war vorgegeben. Mit Fortschritt im heutigen Sinne hatte das freilich wenig zu tun. Das Reich Gottes kommt - nach christlicher Überzeugung - nicht aufgrund menschlicher Anstrengungen, sondern von Gott. Erst im Zuge der Säkularisierung, im Kraftgefühl der Befreiung aus alten Bindungen entwickelt sich in der Renaissance und weitergehend in der Aufklärung der Fortschrittsgedanke. Und töricht wäre es, diesen Fortschritt zu leugnen. In den Naturwissenschaften, in der Fähigkeit, Naturvorgänge nach mathematischen Regeln zu beschreiben, und in der Technik, in der Möglichkeit, Natur­kräfte und -stoffe in den Dienst des Menschen zu stellen, hat es zweifellos einen Fortschritt gegeben. Und damit steht man in einer gut biblischen Tradition. Das 'Macht euch die Erde Untertan!' (l.Mose 1,28) ist von den Menschen erfüllt worden wie wohl kaum eine andere biblische Aufforderung.

Freilich, indem er die Erde zu seiner Sklavin machte, zerstörte der Mensch auch immer mehr ihre Fähigkeit, für sich selbst Vorsorge zu treffen. Er übernahm die Verantwortung, die Natur zu lenken, eine Verantwortung, von der wir heute wissen, dass er sie nicht tragen kann. Umweltschutz ist der Versuch, die Selbststeuerung der Natur wiederzugewinnen. Wir wissen nicht, ob die Tatsache, dass er so wenig Fortschritte macht, nicht vielleicht bedeutet, dass es schon zu spät ist. Die Rohstoffe sind nahezu erschöpft, und das Gleichgewicht der Natur ist erheblich gestört. Da kommt mit den Mikroprozessoren, mit dem Chip, mit dem Computer plötzlich die Chance, Produktivität zu erhöhen, ohne vermehrt Rohstoffe zu verheizen. Die Möglichkeit, Vorgänge berechenbar und damit beherrschbar zu machen, die vordem zu kompliziert dafür erschie­nen. Die Rettung. Freilich, schon beim ersten Problem, das er hervorruft, bei der Arbeits­losigkeit, versagt der Computer. Tausende von Problemen werden mit dem Computer wie spielerisch gelöst; aber die Arbeitslosigkeit zu verhindern, die er schafft, weil er viele Menschen als Problemlöser arbeitslos (redundant, d.h. scheinbar überflüssig) macht, diese Arbeitslosigkeit zu verhindern gelingt ihm nicht. Genauer gesagt: sie ist ein Problem, mit dem die Menschen nicht fertig werden, nicht trotz der Computerhilfe, sondern wegen ihr. Weil sie mit dem Computer nicht fertig werden.

Aber sonst hat er sich als unersetzlich herausgestellt. Ob bei der Bank, ob bei Behörden, der Computer ist immer dabei. Und der Computerfehler natürlich. Nicht immer so sinnlos wie bei der Einberufung von Babys und 101-jährigen zum Wehrdienst (einem simplen Fehler bei der Programmierung zuzuschreiben), manchmal auch unauf­fällig ("Wir haben ihre Überweisung als Bareinzahlung gebucht, weil das Zeichen Überweisung in unserem Computer nicht funktioniert."), nicht selten als Zusammenbruch des ganzen Systems. Bei der Börse z.B., wo dank Computer der Handel sich schneller abwickeln ließ, sich deshalb verviel­fachte und genau damit den Computer wieder überforderte, so dass alles zusammenbrach, oder auf dem Flughafen ("Due to a breakdown of the Computer System at the control tower the take off will be postponed.") Einzug gehalten hat er recht bald auf militärischem Gebiet. Ob die Atombombe nur durch den Computer ermöglicht wurde, ist strittig. Tatsache ist, dass dem Entwicklungsteam unter Oppenheimer ein - für damalige Verhältnisse - ungewöhnlich leistungsfähiger Computer zur Verfügung stand und dass heute Raketen wie Früh­warnsysteme computergesteuert sind. Auch hier gibt es eindrucksvolle Leistungen (wie die Versenkung einer britischen Fregatte durch eine kleine selbstgesteuerte Rakete im Falkland­krieg) und den Computerfehler. Wurde doch vom Zentralcomputer des Frühwarnsystems dem Pentagon gemeldet, russische Raketen seien im Anflug auf die USA. Und nur wenige Minuten, bevor die amerikanischen Raketen hätten abgeschossen werden müssen, stellte es sich heraus, dass versehentlich ein Übungsprogramm als Realität erschienen war. Damals konnte man den Fehler herausfinden. Heute sind die Zeiträume, innerhalb deren man reagieren muss, aus technischen Gründen drastisch verkürzt. Es heißt, deshalb hätten Amerikaner wie Russen die Kontrolle über den Raketenabschuss schon dem Computer übergeben. Und Computerfehler Sie zu beseitigen, wenn sie ein­mal in ein Programm eingebaut sind, ist übrigens nach J. Weizenbaum, einem angesehenen amerikanischen Computer­spezialisten am MIT in Cambridge Mas­sachusetts, nicht mehr durch Ausmerzen aus dem Programm, sondern nur noch durch 'Flicken' möglich. Denn die großen Computersysteme sind heute auch von Experten nicht mehr zu durchschauen. (Eine Aussage, bei der - laut Weizenbaum - ihm noch nie ein Computerexperte widersprochen hat.) Aber warum immer von den Schwächen der Computer reden, reden wir doch einmal von ihren Leistungen! Und damit wären wir bei der Geschichte von der Erdnussbutter.

In den USA gibt es wie in Europa Akademikerarbeitslosigkeit. Besonders schlimm ist es aber mit dem akademi­schen Nachwuchs. Wem früher die Habilitation offen stand, für den ist es heute schwer, ein Promotionssti­pendium zu bekommen. Glücklicherweise gibt es nun aber in den USA eine Stiftung, die großzügige Promotions­stipendien vergibt, richtige Gehälter, von umgerechnet $  10 000 im Jahr. Und außerdem arbeitet sie mit einem Institut zusammen, das hervorragende Arbeitsbedingungen bietet: großzügig ausgestattete Labors, die leistungs­fähigsten Computer. Natürlich fördert sie nur die begabtesten Studenten, Leute, die in einer normalen Studien­zeit zwei bis drei verschiedene Studien abschließen und nebenher noch Zeit zur Einarbeitung in Spezial­gebiete finden. Aber auch für den Begabtesten der Begabten sind solche Stipendien natürlich hochattraktiv. So auch für D., mit 23 Jahren bereits Absolvent zweier naturwissenschaftli­cher Studiengebiete, außerdem Spezia­list für Computer und Laser. Befreundet mit der Studentin E., mit der ihn das politische Engagement gegen die atomare Rüstung verbindet. - Das neue Institut, an dem er arbeitet, steht etwas abseits. Man kann sagen in der Wüste. Seine Freundin kann er nur noch an Wochenenden sehen, wenn überhaupt. Was er ihr vom Computer vorschwärmt, dem leistungsfähigsten, den er, der Computerexperte, je gese­hen hat, kann sie nicht verstehen. Ihre Frage: "Wofür arbeitest du denn?" kann er nicht verstehen, wo doch die Arbeit so hochinteressant und faszi­nierend ist. Doch antwortet er ihr und versucht ihr die Faszination des Computerprogramms, das er entwirft, klarzumachen. Sie versteht das Programm nicht, aber sie sieht, dass er fasziniert ist. Ihn interessiert ihre politische Arbeit nicht mehr so, das Programm, sein Programm, hat ihn gepackt. Wie Hunderte hochbegabter junger Wissenschaftler (meist unter 30) in diesem Institut lebt er ganz der Arbeit. Nur noch zum Essen verlässt er kurz den Computer. Schnell zum Kühlschrank, ein Brot mit Erdnussbutter bestrichen und weiter. Seine Freundin wird eifersüchtig - auf das Programm. Sie stellt fest, was er inzwischen auch weiß, dass das Institut ganz auf militärische Forschung ausgerichtet ist. Er arbeitet am Star-Wars-Programm (Strategig Defence Initiative - DSI). Sie stellt ihn zur Rede, erinnert ihn an ihre gemeinsamen politischen Über­zeugungen - von früher. Er spricht von der Faszination des Programms. Sie hadert mit ihm. Da gelingt ihm der Durchbruch. Der Superlaser, der Laser, der feindlichen Raketen vernichten kann! Er hat ihn erfunden. Präsident Reagan kann seine berühmte 'Star-Wars-Rede' halten. Und er - noch nicht dreißig - erhält höchste wissen­schaftliche Anerkennung. Wäre seine Erfindung nicht für das 'Star Wars-Programm', er erhielte sicher den Nobelpreis dafür. Die Geschichte - ein modernes Märchen - ist wirklich geschehen. Die E., seine Freundin, hat sie erzählt. Natürlich ist die Freundschaft jetzt zerbrochen. Doch nicht nur das ist es, was sie bekümmert: Die Höchstbegabten des ganzen Landes werden eingekauft, für £ 30.000 pro Stück, eigentlich ganz preiswert. Sie werden geködert mit dem faszinieren­den Supercomputer. Und benutzt für die Rüstungsindustrie.

Um die Arbeitslosigkeit, um den Umweltschutz, um die Dritte Welt mögen sich die Zweitklassigen kümmern. Unsere Elite gehört dem Computer und der Rüstung. Sie meinen, so leicht sei es nicht, Menschen einzukaufen? Sind Sie so sicher? Sind Sie jung, intelligent und computerbegeistert, mit Geld etwas verwöhnt, aber im Augenblick noch ohne Stellung? Etwa ein Viertel aller Wissenschaftler der Welt (manche Schätzungen liegen bei einem Drittel) arbeitet direkt oder indirekt an Rüstungsprojekten mit. "macht euch die Menschen untertan!" sagen die Rüstung und die Computer. Aber noch können wir uns wehren, wenn wir es wollen.