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Vom utopischen Frieden 

"Die Friedensbewegung ist ein gut gemeintes Unternehmen, aber leider illusionär und utopisch und daher für die praktische Politik gefährlich. " - Diese Ansicht ist oft zu hören und auch von wahrhaften Autoritäten wie etwa Carl Friedrich von Weizsäcker mit Nachdruck vertreten worden. Hat's dann noch Sinn, sich für eine chancenlose Sache einzusetzen?

Dazu ein Blick in die Geschichte der Friedensbewegung - weit zurück: Das Fehdewesen des Mittelalters ist heute fast nur noch dem Historiker verständlich. Wenn ein Adliger oder eine Stadt den Eindruck gewannen, es sei in ihr Recht eingegriffen worden, sagten sie dem Rechtsverletzer die Fehde an.

Es kam zu Überfällen, Geiselnahmen, nicht selten sogar zu Belagerung und völliger Niederwerfung des Gegners. Das war ein anerkannter Teil der Rechtsordnung. - Heute ist der Austrag von Rechtsstreitigkeiten im Krieg statt vor Gericht für Privatpersonen undenkbar. Wir kennen ihn nur noch von Verbrecherbanden und - von Staaten. Dabei war die Fehde seit Jahrhunderten eine anerkannte Institution, als kurz vor der Jahrtausendwende von einem südfranzösi­schen Kloster, Cluny, ausgehend eine Bewegung um sich griff, die ihre Abschaffung forderte: die Gottesfriedensbewegung. Zunächst waren es nur der Abt von Cluny und einige Gesinnungsgenossen, dann griffen mehr und mehr kirchliche Würdenträger den Gedanken auf, bis schließlich auch der Papst ihn übernahm: Friede unter allen Christen.

Man braucht nicht zu glauben, dass diese Bewegung sehr realistisch war. Sie konnte sich immer nur in beschränkten Gebieten Geltung verschaffen. Immer wieder wurde der Gottesfriede durchbrochen. Schließlich resignierte man und versuchte es mit Regelungen wie: eine halbe Woche Friede und eine halbe Woche Fehderecht und ähnlichem. Eine utopische Bewegung gescheitert. So musste es ihren Begründern erscheinen. Doch die Bewegung wurde vom Kaiser aufgegriffen, 1085 wurde der erste - befristete - Reichslandfrieden beschworen. Bis 1495 dauerte es, bis ein "Ewiger Landfriede" beschlossen wurde, bis endgültig aus fehdeführenden Rittern Raubritter wurden. 500 Jahre nach Anfang der Bewegung.

War die Bewegung deshalb utopisch?

Freilich, wir wissen, mit der Abschaffung der Fehde war nur ein kleiner Schritt getan. Knapp weitere 400 Jahre dauerte es, bis mit der Schaffung des zweiten deutschen Reiches (1871) nach vielen blutigen Kriegen auch den deutschen Fürsten untersagt war, untereinander Krieg zu führen. Etwa 75 Jahre dauerte es, bis   nach noch weit schrecklicheren Kriegen 1945 in Europa Frieden einkehrte. - Nicht der Friede, den wir brauchen. (Vom wahren Frieden Gottes ­"höher als. alle Vernunft" - ganz zu schweigen!) Denn die Drohung mit dem atomaren Selbstmord darf nicht die letzte Antwort auf die Frage nach dem Frieden sein. Aber sie braucht es auch nicht. Denn es gibt Ansätze, zu einer anderen Friedensregelung zu kommen. Die Vereinten Nationen (UNO) tun zwar zaghafte Schritte, erfolgreicher als der Völkerbund sind sie immerhin. Die Soziale Verteidigung (Abschreckung eines Gegners ohne Waffen) ist noch nie erfolgreich erprobt worden, ähnliche Aktionen blieben 1968 in der Tschechoslowakei erfolglos; aber der indische Befreiungskampf unter Gandhi war ein Erfolg. Die Anti-Atomwaffenkampagne der 50er Jahre ist völlig gescheitert; die Kampagne der 80er Jahre hat Einfluss auf Wahlen, ja ihr wird sogar Einfluss auf internationale Verhandlungen nachgesagt. (Ein negativer natürlich, wenn man Reagan glaubt.)

Dürfen wir das alles als Utopie abtun, nur weil es keinen durchschlagenden Erfolg in­nerhalb der nächsten 30 Jahre verspricht? Dürfen wir unseren Einsatz verweigern, nur weil wir selbst das Ziel nicht erreichen werden? - 500 Jahre dauerte es bis zu dem ersten entscheidenden Erfolg der Gottesfriedensbewegung. (März 1983)

  

Soziale Verteidigung 

Schon Alfred Nobel glaubte, mit seinem Dynamit die Voraussetzung für Waffen geschaffen zu haben, die jeden Krieg unmöglich machten. Angesichts der fürchterlichen Folgen dieser Waffen könne ihre Anwendung durch nichts mehr gerechtfertigt werden. - Er hat sich getäuscht. Immerhin reichte das Geld, das durch seine Erfindung einkam, aber zur Einrichtung des Nobelpreises, insbesondere des Friedensnobelpreises.

Heute ist die potentielle Zerstörungskraft unserer Waffen weit höher, als Alfred Nobel es auch nur ahnen konnte, und von neuem ist der Gedanke gekommen, diese Waffen seien so schrecklich, dass sie nun wirklich einen künftigen Krieg, in dem sie angewendet werden könnten, verhindern würden.

In der Geschichte der Kriege seit 1945 sieht man die Bestätigung: Kriege allüberall, nur nicht in Europa. Sie sind durch Abschreckung verhindert. So die Theorie.

Freilich hat die Theorie einen Schönheitsfehler: Anfang der sechziger Jahre entdeckten die amerikanischen Abschreckungsexperten, dass die bisherige Abschreckung, die angeblich schon über ein Jahrzehnt funktioniert hatte, nicht glaubwürdig sei. Wieso war es trotzdem nicht zum Krieg gekommen? War Abschreckung überhaupt nötig gewesen?

Dass man auf eine Besetzung Westberlins mit dem großen Atomschlag antworten und damit die Selbstvernichtung heraufbeschwö­ren werde, sei nicht glaubhaft. Folglich entwickelte man die Strategie der abgestuften Vergeltung ("flexible response”), die je nach Provokation angepasste Antworten vorsah, die nötigenfalls bis zum entschei­denden Schlag eskaliert werden konnten. Heute ist die Strategie weiterentwickelt worden. Um die Glaubwürdigkeit der Ab­schreckung zu erhöhen, hält man es inzwi­schen für nötig, sicherzustellen, dass man eine atomare Auseinandersetzung gewinnen kann. Der Atomkrieg soll führbar gemacht werden. Diesem Ziel dienen die "Cruise Missiles" und die Pershing-Raketen, die in Europa stationiert werden sollen. So antwortet denn auch der Erfinder der Neutronenbombe, Sam Cohen, auf die Frage, ob es einen Nuklearkrieg geben wird, mit einem einfachen "ja" (vgl. Die Zeit Nr. 8, 18.2.83, S.42).

Der Kreis schließt sich: Wirksame Abschreckung nur durch glaubwürdige Abschreckung; glaubwürdige Abschreckung nur, wenn man auch voll darauf eingestellt ist, einen Atomkrieg zu fuhren; darauf eingestellt sein kann man aber nur, wenn man auch reelle Chancen hat, ihn zu gewinnen.

Angesichts dieser Abschreckungslogik scheint es verständlich, dass auch andere ­ebenfalls unkonventionelle Wege der Abschreckung gesucht werden. Einer ist der der "Sozialen Verteidigung" (Civilian Defence). Die Abschreckungswirkung der Sozialen Verteidigung soll darin liegen, dass der Angreifer damit rechnen muss, im Fall der Besatzung eines Landes langfristig gegen die Bevölkerung arbeiten zu müssen, so dass kein wirtschaftlicher Nutzen aus der Beset­zung entsteht. Dies soll entweder durch passiven Widerstand wie Gehorsamsverweigerung, Boykottmaßnahmen, Sitzblockaden und Streiks erreicht werden oder - womöglich durch dynamische Weiterarbeit ohne Kollaboration, d h. - es müsste verhindert werden, dass der Besetzer sich die Produktionsergebnisse zu Nutze machen könnte (Diese wäre denkbar im gesamten Dienstleistungssektor).   '

Diese Technik des "Zivilen Ungehorsams" wird von Theodor Ebert, einem führenden deutschen Verfechter der Sozialen Verteidigung, noch genauer begründet:

Zitat: "'Zivil' ist der Ungehorsam dann, wenn er -  wie Gandhi im Februar 1922 nach misslichen Erfahrungen definierte - "höflich, wahrheitsliebend, bescheiden, klug, hart­näckig, doch wohlwollend, nie verbreche­risch und hasserfüllt" erfolgt. Bemerkenswertester Unterschied des zivilen Ungehorsams zur provokatorischen, potentiellen gewaltsamen Regelverletzung ist, dass sich die zivilen Ungehorsam Leistenden den Sanktionen ihrer Gegner auf keinen Fall gewaltsam widersetzen und sich ihnen - in der Regel - auch nicht durch Täuschung zu entziehen suchen.

Gewaltsame Kampftechniken, Notwehr und Täuschung werden abgelehnt, weil sie bei den Trägern der Aktion, ihren Gegnern und den Beobachtern unerwünschte Reaktio­nen auslösen. Die von Frantz Fanon behauptete emanzipatorische Wirkung der Gewalt­anwendung wird bestritten, da systematische Gewaltanwendung eine Befreiungsorganisa­tion zu hierarchischen Strukturen, zur Un­tergrundarbeit und zur Einübung in ein immer waches Mißtrauen zwingt und so nach dem Abschluß der Kampfhandlungen diktatorische Strukturen vorhanden sind. Gewaltanwendung wird ferner abgelehnt, weil sie bei einem mächtigen Gegner in der Regel zur Eskala­tion der gegenseitigen Gewaltanwendung und zur extremen Steigerung der Opfer führt. In einem gewaltfreien Verhalten wird keine Garantie für einen Repressionsverzicht des Gegners gesehen; man rechnet jedoch damit, daß aufs Ganze gesehen die Opfer eines Befreiungskampfes geringer sind, wenn selbst auf extrem gewaltsame Repression immer gewaltfrei geantwortet und so dem Gegner keine zusätzliche Legitimation für seine Unterdrückungsmaßnahmen geboten wird. (Der indische Unabhängigkeitskampf mit gewaltfreien Methoden kostete - einschließlich der englischen Reaktion auf vereinzelte indische Gewaltakte - etwa 8000 Menschenleben; der algerische Unabhängigkeitskrieg im Anschluß an die blutige Unterdrückung einer gewaltlosen Demonstration in Sétif im Mai 1945 kostete etwa 150 000 bis 200 000 Menschenleben, bei einer etwa dreißigmal kleineren Gesamtbevölkerung. ) Schließlich werden Gewaltmethoden abgelehnt, weil in an in den Gegnern nicht beati possedentes. sondern unfreie, sich selbst entfremdete Menschen sieht. Das gewaltfreie Verhalten soll hier die übergreifende Solidarität mit dem Gegner als Menschen zum Ausdruck bringen. " (Th. Ebert: "Stichwort: Gewaltfreie Aktion" in: Gewaltfreie Aktion, Vierteljahrsheft für Frieden und Gerechtigkeit, 1. Jahrg. Heft 1/82)

Beispiele für Aktionen dieser Art finden sich im Widerstand gegen den Kapp-Putsch 1920, gegen die Ruhrbesetzung 1923, gegen die deutsche Besatzungsmacht während des Zweiten Weltkrieges in Dänemark und Norwegen, gegen die sowjetische Besetzung der CSSR 1968 und gegen das von der Sowjetunion gestützte Regime in Polen heute.

Diese Aktionen waren bei weitem nicht immer erfolgreich. Für viele Kritiker ist schon das der Beweis, daß Soziale Verteidigung nicht funktionieren kann. Dabei übersehen sie allerdings meist, daß auch 50% aller Kriege nicht erfolgreich ausgehen (nämlich für den Verlierer) und daß es sich bisher meist nur um improvisierte Aktionen handelte.

Gewisse Chancen auf Erfolg hätte Soziale Verteidigung, wenn sie gut vorbereitet würde, also wohl schon heute. Allerdings in der Tat, ihre Abschreckungswirkung - das sofortige Verschwinden aller Waffen auf seiten des Verteidigers und seiner Verbündeten vorausgesetzt - wäre zunächst wohl nur sehr begrenzt. - Aber ist das Grund genug, nicht einmal Schritte in diese Richtung zu tun?

Freilich: Wenn Soziale Verteidigung gut funktionieren soll, dann ist eines die Grundvoraussetzung: eine Gesellschaftsordnung, für die die überwältigende Mehrheit bereit ist, sich eventuell bis zum Einsatz des Lebens einzusetzen. Eine Gesellschaft, in der Millionen und wieder Millionen bereit sind, für die Verteidigung ihr Leben aufs Spiel zu setzen und jedenfalls äußerste Entbehrungen (im Fall eines Streiks in lebenswichtigen Sektoren) in Kauf zu nehmen - eine solche Gesellschaft gibt es nach Ansicht der Kritiker der Sozialen Verteidigung nicht, und es wird sie wohl auch nicht geben. Das mag sein. Nur ist gerade eine solche Gesellschaft auch die unbedingt notwendige Voraussetzung für jede - moralisch zu rechtfertigende - atomare Abschreckung.

Wie wir gesehen haben, setzt glaubwür­dige Abschreckung die Bereitschaft, im Zweifelsfall die Mittel auch wirklich einzusetzen, voraus. Atomare Abschreckung setzt also voraus, daß die Gesellschaft bereit ist, Millionen von Toten, die Zerstörung der Industrie und der Umwelt sowie unüber­sehbare Folgelasten für die folgenden Gene­rationen, im Ernstfall für die Verteidigung in Kauf zu nehmen. Wieso sollte sie glaubwürdig sein?

Wir alle wissen, weshalb: Soziale Vertei­digung setzt voraus, daß der einzelne im Ernstfall zu seiner Entscheidung steht; im Atomkrieg hat keiner mehr die Möglichkeit, sich für Überleben statt Verteidigung zu entscheiden. Das macht den Unterschied der Glaubwürdigkeit Sozialer Verteidigung und atomarer Abschreckung aus.

Sollen wir deshalb resignieren: Es gibt keine Alternative zur atomaren Abschreckung? oft schon in der Geschichte ermöglichten gesellschaftliche Veränderungen neue Kampfmethoden: die Schweizer Bauern gegen das deutsche Ritterheer; die Freiwilligenarmeen der französischen Revolution gegen die Armeen der absoluten Fürsten; spanische Guerillakämpfer gegen Napoleons Heer. Die bewährten Methoden versagten gegen einen Gegner, der besser wußte, wofür er kämpfte. Gegen einen Streik helfen keine Atomwaffen.

Soziale Verteidigung eine Utopie? Unbedingt.  Aber atomare Abschreckungsstrategie als Alternative könnte den Weg zu ihr ebnen. jedenfalls für Christen – oder? (1983)

 

 

Fortschritt und Verantwortung

1.Vom Fortschrittsoptimismus zur Selbstbesinnung

 

Sie kennen sicher die Science-Fiction­Vorstellung  vom Zeitreisenden: Mit Hilfe einer Zeitmaschine können Men­schen der Zukunft in die Vergangenheit reisen. Dann kennen Sie wahrscheinlich auch die Überlegung, die seit Spielbergs Film 'Back to the Future' für viele selbstverständliches Gedankengut geworden ist, nämlich, dass der Zeitreisende durch Eingriffe in die Vergangenheit seine eigene Gegenwart und damit sich selbst zerstört. Brutal in der Vorstellung, er töte einen seiner Vorfahren, subtiler in der Vorstellung, er steche seinen eigenen Vater als Liebhaber der Mutter aus (so bei Spielberg) und psychologisch gewendet in Frischs Stück 'Biografie', wo der Mann seine Biographie trotz des ihm gegebenen Angebots nicht verändern kann, weil er letztlich als der, der er geworden ist, die anderen Möglichkeiten, trotz allen Klagens über versäumte Chancen, dann doch nicht wollen kann.

Was für die Biographie eines einzelnen nur (?) ein Spiel ist, ist eine bedenkenswerte geschichtsphilosophische Vorstellung für die gesamte Menschheit: Wenn es im Jahre 4000 n.Chr. Menschen geben sollte, dann könnten die nicht sinnvoll eine Änderung der Geschichte im Jahre 2000 n.Chr. wollen, da sie ihre eigene Existenz aufhöbe. Insofern wird jede Epoche die bisherige Geschichte als Vorgeschichte ihrer eigenen begreifen. Gleichzeitig erweist sich aber die Vorstellung, den Sinn der Geschichte an sich erkennen zu wollen oder gar erkannt zu haben (wie etwa bei Hegel und Marx) als lächerliche Selbstüberschätzung, als Hybris. Wir können stets nur den Sinn der Geschichte für uns erkennen.

In der Formulierung 'Wenn es im Jahre 4000 n.Chr. Menschen geben sollte ..', steckt eine wesentliche Erfahrung unserer Tage. Früher hätte man noch formuliert: 'Die Menschen im Jahr 4000 n. Chr  Heute sind wir uns nicht mehr so sicher, ob es im Jahr 4000, 3000 oder 2050 noch Menschen gibt. Diese Erkenntnis über die Fähigkeit der Menschheit, sich selbst zu zerstören, sei es über einen Atomkrieg mit nuklearem Winter oder über die Vernichtung unserer Umwelt, unserer Lebensvoraussetzung, oder schließlich durch Schaffung eines neuen Menschen durch Gentechnologie, hat uns ein neues Selbstverständnis gegeben. Marx' 'Reich der Freiheit', die Vorstellung freier Selbstverwirklichung, ist uns doppelt fragwürdig geworden: Zum einen, weil der Run auf die Selbstver­wirklichung, der absolute Egotrip, vor unseren Augen schon zu oft durch­geführt worden ist und nicht nur zu vielen gescheiterten Ehen, zu zer­schlagenen Hoffnungen, sondern auch zur großen Sinnleere geführt hat. Zum anderen aber - und das ist weit wichtiger - weil es unsere Überfluss­gesellschaft, die Gesellschaft, die Herbert Marcuse und seine Anhänger der Studentenbewegung von 1968 noch für die allgemeine Gesellschaft der Zukunft gehalten hatten, nur aufgrund einer doppelten Ausbeutung gibt: der der Dritten Welt und der der Rohstoff­ und Energiereserven der Erde.

Nun gibt es genügend Menschen, die - trotz rund 60 Millionen Hungertoten im Jahr (das sind ebensoviel wie alle Opfer des 6 Jahre dauernden 2.Welt­krieges) - bestreiten würden, dass die Dritte Welt ausgebeutet wird. Deshalb verfolge ich dieses Argument nicht weiter, obwohl ich glaube, dass diese Menschen nichts sind als 'reiche Jünglinge', die durch ihren Reichtum am Erkennen der Wahrheit gehindert werden; 'denn er hatte viele Güter...'.

Unbestreitbar aber ist die Ausbeutung der Erde. Auch hier lässt sich, um das Bestehende zu rechtfertigen, argumen­tieren, die Rohstoffkrise werde nie eintreten, weil die Wissenschaft immer rechtzeitig vor dem Ausgehen eines Rohstoffes 'neue, bessere an seine Stelle setzen werde. Viele sind ja trotz Tschernobyl noch der Meinung, das Erdöl sei als Energiequelle längst durch die Kernspaltung ersetzbar und Energiesparen sei sinnlose Askese, die Suche nach umweltfreundlichen Energien sei Zeitverschwendung. Eins aber wird heute nicht mehr ernsthaft bestritten: Die Umweltkosten moderner Technik wurden bei den Vorstellungen von der Überflussgesellschaft nicht eingerechnet. Wer etwa einen Teil des deutschen Waldes noch retten will, muss dafür Milliardensummen ausgeben, wer das nicht tut, zahlt einen noch höheren Preis.

Aus dieser Erkenntnis, dass der Fortschritt, den wir vorantreiben, ungeheure negative Folgen hat, die es zu begrenzen gilt, hat sich die Bewegung der Umweltinitiativen, die in die grünen Parteien mündeten, entwickelt. Wir können ungeheuer viel mehr machen als früher, und wir sehen Folgen dieses Tuns für eine weite Zu­kunft voraus (bei der Kernspaltung geht es um Tausende und Hunderttau­sende von Jahren, für die wir höchst­gefährlichen Müll produzieren). Deshalb muss Verantwortung für uns zu einer zentralen moralischen Kategorie werden. Wir dürfen nicht mehr nach dem Grundsatz verfahren: Ich weiß nicht, ob es besser wird; aber ich weiß, dass es anders werden muss, wenn es gut werden soll. Sondern wir dürfen nur noch das Verantwortbare tun. Man hat von dem Auslösecharakter unseres Handelns gesprochen. Unser Tun und der Effekt, den es hat, haben für uns zunächst keinen erkennbaren Zusammen­hang. Der Gebrauch eines morgendlichen Deo‑Sprays und die Zerstörung der Ozonschicht unserer Atmosphäre wurde lange nicht im Zusammenhang gesehen. Was alles für die Zerstörung des Waldes verantwortlich ist, wissen wir immer noch nicht. Wer verantwortlich ist, nämlich wir Menschen, das wissen wir schon länger.

Diese Erkenntnis der Gefährlichkeit des Fortschritts hat uns dazu geführt, dass wir die Wertsetzungen bewahrender Gesellschaften zu schätzen lernten: der Indianer ('Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig'), der Afrikaner (Sich-Einsfühlen mit der Natur) und der Chinesen (u.a. auch der Taoisten, die folgerecht das 'Nicht­Handeln' zur obersten  Tugend erklärten).

 

2. Moral und Verantwortung

Kennedy und MacMillan 'sind noch um vieles ärger als Hitler'. Dies Wort des Philosophen Bertrand Russell vom 15.4.1961 ist erschreckend. Wie kann er diese demokratischen, überdies an hohen Idealen sich ausrichtenden Politiker mit dem Diktator vergleichen, der für den schrecklichsten Völkermord der Geschichte verantwort­lich ist? Natürlich hat er Unrecht. Jedenfalls, soweit es um die moralische Wertung geht. Denn Hitler hat den Völkermord gewollt, Kennedy aber hat den Weg in eine demokrati­sche, soziale Gesellschaft gewiesen. Wie tragisch, dass die Attentate auf Hitler scheiterten, dass das auf Kennedy gelang!

Doch es gilt weiter zu fragen. Was macht die Tat Hitlers so grenzenlos verwerflich? Judenpogrome hat es in der Geschichte wieder und wieder gegeben. Das Neue ist, dass mit geradezu industriellen Methoden Völkermord betrieben wurde, dass Menschen, die keinen Hass gegen Juden empfanden (die gab es auch), nur aus Gehorsam am Massenmord schuldig wurden, dass sogar Juden selbst gezwungen wurden, die Mordmaschinerie effizienter zu gestalten. Und Hitler sagte: 'Ich übernehme die Verantwortung.' Eine Verantwortung, die kein Mensch über­nehmen kann. Und dagegen Kennedy!

Aber was wäre, wenn die Kubakrise 1962 anders verlaufen wäre, wenn sie zum Dritten Weltkrieg geführt hätte (was selbst John F. Kennedy damals nicht für ausgeschlossen hielt), wie müsste man dann das Ergebnis beurteilen? 500 Millionen Tote, eine Milliarde, zwei Milliarden oder mehr - so hätte das Ergebnis ausgesehen. Und dies verglichen mit den rund 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges (eine Zahl, die den grauenhaften Völkermord an den Juden einschließt). Was ist schrecklicher, welches Ergebnis wäre für die Menschheit folgenschwerer? Und wer wäre daran schuld? Kennedy, der ohne Zweifel den Krieg nicht wollte, der ihn vielmehr durch eine Demonstra­tion der Stärke unwahrscheinlicher machen wollte? Chrustschow, der den Krieg ebenfalls nicht wollte, der nur die Ausgangsposition der Sowjetunion verbessern wollte, aus seiner Sicht das Ungleichgewicht zugunsten der USA etwas verringern wollte? Oder die Soldaten, die ihre Befehle befolgten? Wer wäre schuld, wenn morgen durch einen Computerfehler der atomare Schlagabtausch ausgelöst würde? Der Mann am Terminal, der den Fehler nicht erkennt? Die Programmierer, die nicht verhindert haben, dass solch ein Fehler zustandekommen konnte?

Wir sehen, das System der atomaren Abschreckung schafft eine Verantwortung, die kein Mensch übernehmen kann. Mehr noch: Jeder Mensch, der für dieses System mitverantwortlich ist, trägt eine Verantwortung, die ungeheuerlicher ist als selbst die, die Hitler frevlerischerweise zu übernehmen versprach.

Jeder, der in diesem System verantwortlich ist und nicht alles tut, um für Entspannung zu sorgen und es wieder abzubauen - so wie der Parteisekretär Gorbatschow es ein Stück getan hat - trägt mit an einer Verantwortung, die kein Mensch trage kann. Könnte die Menschheit sie tragen? Im Blick auf alle kommende Generationen, die mit untergingen?

Kein Zweifel daran, dass Kennedy und MacMillan moralischer waren als Hitler. Doch es ist unwahrscheinlich, dass die, die für den Dritte Weltkrieg verantwortlich sein werden, unmoralischer sein werden. - Wer heute verantwortlich handelt, muss dazu beitragen, die Verantwortung, die er selbst und die künftige Generation haben werden, wieder auf ein menschliches Maß zurückzuführen.

Aber Sie und ich, wir brauchen uns nicht darum zu kümmern?

 

Nachtrag

Meine kleine Artikelserie 'Fortschritt und Verantwortung' (vgl. Londoner Bote - Hefte Nr. 7 und 8-9/89)  ist vor ca. zwei Jahren entstanden. Seitdem hat sich wieder einiges verändert. Die Grünen haben in England einen großen Wahlerfolg bei den Europawahlen gehabt, Gorbatschow hat weitere beachtenswerte Abrüstungsvorschlä­ge gemacht, aber im innerpolitischen Raum zeigen sich schon ganz deutlich die Schwierigkeiten, die eine Politik, die nicht auf Unter­drückung basiert, sondern Freiheit zum Ziel hat, mit sich bringt. In der DDR sehen wir, was für positive Auswirkungen eine solche Politik hat und wie Gorbatschows Verzicht auf Macht über seine Verbündeten menschlichere Verhältnisse begründen kann.

Die Umweltzerstörung und die Erkenntnisse darüber haben zugenommen. Für mich kommt eine ganz private Änderung hinzu: Ich bin nach Deutschland zurückgekommen. Dort erlebe ich (was ich vorher schon wusste), dass hier vieles schon Brauch geworden ist, was es in England noch nicht so gab, z.B. phosphatfreie Waschmittel, umweltverträgliche Reinigungsmittel, konsequente Trennung des Hausmülls, Verzicht auf Regen­waldhölzer (z.B. Teak, Miranti).

Anderes wie z.B. Sonnenkollektoren als Warmwasserbereiter, Zisternen für Brauchwasser (Wäsche und Toilettenspülung), ein Automobilklub, der für Geschwindigkeitsbeschränkungen eintritt, steckt noch mehr in den Anfängen, ist aber längst über das Experimentierstadium hinaus. Fast stets ist die Entscheidung für das umweltfreundlichere Produkt mit mehr Aufwand verbunden: der Suche, wo es das Produkt gibt, der Zahlung eines etwas höheren Preises, gelegentlich auch mit dem Verzicht auf eine Bequemlichkeit. Wenn wir zeigen, dass wir dazu bereit sind. werden wir der Industrie und den Politikern helfen, sich umzustellen. Schon jetzt wissen wir, dass einige gewaltige - hoffentlich nicht katastrophale! - Umweltveränderungen (z.B. Klima) eintreten werden. Vieles ist schon passiert, auch ohne dass wir es bemerkt haben. Ich bin überzeugt, dass in zwanzig Jahren nicht nur die kommende Generation, sondern bis auf wenige Unbelehrbare wir alle uns fragen werden: Wie konnte es dazu kommen?

Die Antwort ist, jetzt schon klar. Wir haben zu spät unser Verhalten geändert, wir waren zu lange Mitläufer beim System der Umweltzerstörung. Machen Sie nicht mehr mit, ändern Sie noch heute Ihren Kurs!

Hier gibt es kein Recht auf Resignation. Wie wir bei der DDR gesehen haben, kann auch ganz unmöglich Scheinendes plötzlich möglich werden, wenn nur alles es wollen und - und das ist das Entscheidende - auch wirklich danach handeln. 40 Jahre lang haben alle über die Verhältnisse geklagt. Lange ließ sich nichts machen, und die meisten verfielen in Resignation. Nur relativ wenige haben immer wieder trotz empfindlicher Strafen ihren Protest formuliert. Scheinbar aussichtslos. Manche sind auch gestorben, bevor sie den Wechsel erleben konnten. Jetzt aber ist er geschehen, weil viele - längst nicht alle - sich. mitreißen ließen, ihren Protest öffentlich zu formulieren und ihre Sache mit ganzem Herzen zu vertreten.

Auch wir dürfen uns nicht dabei beruhigen, wir könnten doch nichts ändern. Es geschieht schon etwas .

Es bleibt zu wenig, wenn wir uns nicht anschließen. Wenn eine ökologische Katastrophe eintritt, wird man uns mit noch mehr Recht als den Mitläufern des Naziregimes sagen können: "Ihr habt es doch gewusst!"

Wir wissen es. Deshalb fangen Sie heute an! Leben Sie umweltbewusst, prüfen Sie die Produkte, die Sie kaufen, fragen Sie bei offiziellen Stellen nach Recyclingmöglichkeiten für Papier, Metalle, Batterien, ehe es zu spät ist! Wählen Sie keine Partei, die nicht glaubhaft für Umweltschutz eintritt. Sie und ich sind mitverantwortlich. (1990)

Nachtrag 2004:

Gewichte haben sich verschoben. Die Atomkriegsgefahr geht nicht mehr von den beiden Supermächten aus, weil es sie so nicht mehr gibt, der verhaltene Optimismus in Sachen umweltfreundliche Produkte, der im vorangehenden Artikel deutlich wird, ist trotz des Engagements von Millionen und rot-grüner Bundesregierung kaum noch gerechtfertigt. Da hat die Globalisierung die staatlichen Mittel zur Förderung des Umweltschutzes weggefressen. Unsere Mitverantwortung aber bleibt. Und es gibt auch politische Kräfte, die auf die Herausforderung antworten. Noch sind es schwache Kräfte - wie am Anfang der Gottesfriedenbewegung.